Märchen sind nicht sexistisch! Sexistisch ist das, was daraus wurde

Gast-Blogartikel von Felicia Hofmann

 

Keira Knightley verbietet ihrer Tochter Disney-Klassiker wie ‚Ariel, die kleine Meerjungfrau’ oder ‚Cinderella’. Das erzählte sie vergangenes Jahr der Talkshowikone Ellen De-Generes – und wird seither für ihre feministische Erziehung gefeiert. Eine Schule in Spanien verbannt nun die weltweit bekannten Märchen ebenfalls aus dem Bücherregal, um ihre Schüler vor sexistischen Denkmustern zu bewahren. Die Zeit der Meerjungfrau, die ihre Stimme für einen Prinzen aufgibt und der unglücklichen, misshandelten Prinzessin, die nur darauf wartet, vom Prinzen gerettet zu werden, ist vorbei. 

 

Cinderella, Schneewittchen und Co. verkörpern in der Darstellung des Produktions-Riesen Disney tatsächlich sexistische Stereotypen. Ein Blick auf die jahrtausendealte Entstehungsgeschichte der Märchen, die bis in die matriarchale Prähistorie reicht, zeigt allerdings, dass den Märchen keineswegs sexistische Geschlechterrollen innewohnen – und dass in unserer Gesellschaftsgeschichte unlängst etwas mächtig schief gelaufen ist.  

 

Während der prähistorischen Entstehung der Märchen waren die Geschlechter gleichwertig. Die Geschichten, die die Menschen erzählten, sollten als Anleitungen für ihre Nachfahren dienen, ebenfalls ein Leben in diesem Gleichgewicht zu führen. Das Geschlecht der Heldenfigur spielte dabei – tah daa! – keine Rolle. Warum sollte es auch, wenn das Leben, die Geschlechter und die Natur ganzheitlich waren?

 

Friede, Freude, Eierkuchen – bis die weibliche Energie mit dem Aufkommen des Patriarchats in Verruf und unsere Gesellschaft aus dem Gleichgewicht geriet. Es ist nicht verwunderlich, dass mit allen anderen Lebensbereichen auch die Kindergeschichten ‚verpatriarchalisiert’ wurden. Der prähistorische Sinn der Märchen, nämlich diese Anleitung für alle, ungeachtet des Geschlechts der Heldenfigur, ein Leben im Einklang mit ihrer Umwelt zu führen, verschwand aus den Köpfen der Menschen. Die Geschichten, die einen mutigen Prinzen und eine hilfsbedürftige Prinzessin in der Hauptrolle haben, setzten sich zu allgemeiner Bekanntheit durch. Dass es jedoch viele Märchen gibt, in der das Mädchen die Jungs rettet, oder in denen sich beide für das Lösen einer Aufgabe ergänzen, ist uns heute viel weniger präsent. 

 

Eine Prinzessin schmettert den Frosch an die Wand, er wird von seinem Fluch erlöst. Gretel schiebt die Hexe in den Ofen und rettet damit ihren Bruder. Im norwegischen Märchen ‚Die zwölf Wildenten’ rettet die Prinzessin gleich alle ihrer zwölf Brüder. Das ‚Mädchen ohne Hände‘ und ihr Partner heilen sich gegenseitig von der Brutalität des Ungleichgewichts. In allen Märchen begibt sich der Held oder die Heldin (hier wäre das geschlechterneutrale, schwedische Personalpronomen ‚hen’ am passendsten) auf eine lebensverändernde Reise. Immer Ziel dabei: Das Gleichgewicht der Kräfte wiederherstellen und damit individuelles und gesellschaftliches Wachstum ermöglichen. Denn nur in einem System, das Mann und Frau gleichwertig vereint, können beide ihr volles Potential ausschöpfen. Unsere prähistorischen Vorfahren wussten das, und wir sollten auch!

 

Platz für männliche oder weibliche oder sich ergänzende Heldenrollen hat es in den prähistorischen Märchen gleich viel. Platz für so enges Geschlechterdenken, wie wir es heute kennen, nicht. Liegen Keira Knightley und Spaniens Schulen also falsch? Ganz und gar nicht. Ihre Konsequenzen sind ein legitimes Aufbäumen gegen das Patriarchat und alle Verfälschungen, die es mit sich brachte. Darunter unrechterweise die Märchen. Aber vielleicht ist die Verbannung sexistischer Disney-Geschichten momentan der einzig mögliche Schritt, bevor wir tatsächlich erkennen, dass sexistisch nicht die Geschichten sind, sondern das, was die Gesellschaft vor Jahrhunderten damit gemacht hat.

 

Felicia Hofmann ist studierte Sozialanthropologin und freie Journalistin. Sie unterstützte die Entstehung von „The True Hero’s Journey in Fairy Tales and Stone Circles“ von Andrea Hofman.

 

 

English version:

 

Fairy Tales are not Sexist!   

Sexist is what became of it

Guest blog article by Felicia Hofmann

 

Keira Knightley forbids her daughter Disney classics like 'Ariel, the little mermaid' or 'Cinderella'. That's what she told talk show icon Ellen De-Generes last year - and has since been celebrated for her feminist way of upbringing her daughter. A school in Spain now also bans the world famous fairy tales from the bookshelves to save their students from sexist thought patterns. The time of a mermaid giving up her voice for a prince, and the unfortunate, abused princess just waiting to be rescued by the prince, is over.

Cinderella, Snow White and Co. in the depiction of the production giant Disney actually do embody sexist stereotypes. However, a look at the millennia-old history of the fairy tales, which reaches as far back as the matriarchal prehistory, shows that the fairy tales have by no means sexist gender roles - but that recently something has gone awry in our social history.

 

During the prehistoric making of the fairy tales, the sexes were equal. The stories people told should serve as guidelines for their descendants to also lead a life in that balance. The gender of a protagonist - tah daa! – did not matter. Why should it, in a world were life, gender and nature were perceived as holistic?

 

Everything was hunky-dory - until the feminine energy became discredited with the advent of patriarchy and our society got out of balance. It is not surprising that together with all other areas of life, fairy tales got 'patriarchised' as well. The prehistoric purpose of the tales to lead a life in harmony with their environment, which was a guidance for all, regardless of the gender of the heroic figure, disappeared from people's minds. The stories with a brave prince and a needy princess in the lead role acquired broad public acceptance. That there are many fairy tales in which the girl saves the boys, or in which both complement each other for solving a task, is much less present today.

 

A princess smashes the frog against the wall, he is released from his curse. Gretel shoves the witch in the oven and saves her brother. In the Norwegian fairy tale “The Twelve Wild Ducks”, the princess rescues all of her twelve brothers. The “Girl Without Hands” and her partner heal each other of the brutality of a society in imbalance. In all fairy tales, the hero or heroine (here the gender-neutral, Swedish personal pronoun “hen” would be most appropriate) embark on a life-changing journey. The aim always: to restore the balance of power and thus enable individual and social growth. For only in a system that unites man and woman equally, can both exploit their full potential. Our prehistoric ancestors knew this and we should too!

 

There is plenty of room for male or female, or complementary, hero roles in the prehistoric fairy tales. Yet no place for such narrow gender thinking as we know today. So, are Keira Knightley and Spain's schools wrong? Not at all. Their consequences are a legitimate rebellion against patriarchy and all the falsifications it brought. Among them, the fairy tales. But perhaps the ban on sexist Disney stories is currently the only possible step before we actually realize that sexist are not the stories, but what society did with them centuries ago.

 

 

Felicia Hofmann is a social anthropologist and freelance journalist. She supported the creation of "The True Hero's Journey in Fairy Tales and Stone Circles" by Andrea Hofman.

 

 

©Felicia Hofmann, 2019

 

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