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Die Bedeutung der bösen Hexe im Märchen

 

 Die physische Welt, in der wir leben, ist kein statischer Ort, vielmehr wird sie ständig neu erschaffen. Die Schöpferkraft, die dahinter steht, wurde in prähistorischer Zeit, als die Märchen entstanden, der Urgewalt einer Mutter- oder Naturgöttin zugeschrieben.

 

Es erschien unseren Vorfahren logisch, dass es sich um eine weibliche Kraft handeln muss, waren es doch in der Natur die weiblichen Geschöpfe, die neues Leben hervorbrachten. Aus ihrer Sicht lebte diese Schöpfergöttin  in einer jenseitigen Welt, auch Anderswelt genannt, von der aus sie die materielle Welt formte. Sie war unsichtbar, doch ihr Werk konnte an ihren Kreationen in der physischen Welt bewundert werden, an den Blumen, Bäumen, an der Natur. Doch manchmal trat sie auch persönlich in Erscheinung.

 

Davon berichten die Märchen. Wenn von der Göttin die Rede ist, erscheint sie manchmal als gute, wunsch-erfüllende Fee und manchmal als hässliche Alte. Dann ist sie die böse Hexe, wie wir sie kennen, weil sie den Tod mit sich bringt. In der Natur verkörpert sie in dieser Form die natürliche Umwandlung, die es zur Erneuerung braucht. Wenn im Herbst alles verdorrt, ist es also das Werk der Göttin in ihrem Todesaspekt. Dann wird sie zur dunklen Göttin. Im Frühjahr kommt sie als gute Fee wieder und verwandelt alles in neues Leben.

 

In vielen Märchen müssen sich Heldinnen und Helden mit der bösen Hexe, also der todbringenden Göttin in ihrem dunklen Gewand, auseinandersetzen. "Hänsel und Gretel" aus dem berühmten Grimm-Märchen, erleben dies auf erschreckende Weise. Sie ringen mit dem Tod.

 

Der deutsche Begriff "Hexe" stammt vom Wort "Hagazussa", was so viel bedeutet wie jemand, der auf einem Zaun sitzt und mit einem Auge in die diesseitige Welt und mit dem anderen in die jenseitige Welt blickt. Eine Hagazussa, eine Hexe, befindet sich also genau auf der Grenze zwischen Leben und Tod.

 

Fast verhungert irren Hänsel und Gretel durch den Wald und kommen schliesslich in das Grenzreich der Hagazussa. Dort finden sie Lebkuchen und Süssigkeiten, und werden so erst einmal gestärkt. Der Zucker lässt sie zu Kräften kommen, sonst wären sie verhungert, noch ehe sie eine Chance zum Überleben gehabt hätten.

 

Auf der Schwelle zwischen Leben und Tod treffen Hänsel und Gretel also auf die Göttin in Form einer alten Hexe. Zuerst gibt sie ihnen Leb(ens-)kuchen, dann nimmt sie sie bei sich auf, gibt ihnen noch mehr zu essen und legt sie dann in warme, kuschelige Betten. Dies ist eine unmittelbare Rettungsmaßnahme.

 

Nun befinden sich die beiden im Land zwischen Leben und Tod und ringen um ihr Leben. Sie kommen, wenn auch gefangen durch ihren schwachen Zustand, nach und nach wieder zu Kräften dank des guten Essens, welches sie bekommen und das schliesslich Gretel für Hänsel zu kochen lernt. Der Überlebenswille kehrt langsam zurück und damit die Macht über das Leben. Hänsel wird hoffnungsvoll und streckt listig statt seines Fingers ein Knöchelchen aus dem Käfig und schliesslich gelingt es ihnen, die Hexe zu überwinden und dem Tod endgültig von der Schippe zu springen.

 

Die Erzählung zeigt also den Kampf zweier Kinder im Grenzland zwischen Leben und Tod. Nachdem sie so sehr gehungert hatten, kämpfen sie dort um ihr nacktes Überleben. Entweder sie bündeln all ihre Kräfte, die ihnen die Göttin zur Verfügung stellt, und springen auf die Seite des Lebens, oder aber sie betreten das Reich der Umwandlung, das jenseitige Reich des Todes.

 

Gemäss der Ansicht unserer Vorfahren würden Hänsel und Gretel im Jenseits erneuert und bald schon in ein neues Leben hineingeboren werden. So oder so hätten die verlorenen Kinder aber den Zugang zum Füllhorn der lebenspendenden Göttin wiedergefunden und könnten so bereichert und gesund einem neuen Leben entgegengehen.

 

 

Copyright Andrea Hofman, 2020

 

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