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Tag- und Nachtgleiche – Der Auftakt zu einem neuen Leben

Die europäischen Zaubermärchen konnten sprachwissenschaftlich in der beginnenden Bronzezeit verortet werden. Es war auch die Zeit, in der die Menschen riesige Steinmonumente errichteten, um die Bewegungen von Sonne und Mond zu beobachten. Unter anderem diente dies der Orientierung im bäuerlichen Jahr und der Gesellschaftsorganisation. Damals galten matriarchale Werte wie

  • die Wichtigkeit einer weisen Führung,
  • die gerechte Güterverteilung und
  • das würdevolle Leben eines jeden einzelnen Lebewesens.

Jeder Mensch sollte mit seinen individuellen Fähigkeiten zum Wohle aller beitragen können. Daher war es wichtig, dass jeder Mensch seine Potentiale entdecken und ausschöpfen durfte.

Märchen sind ein Ausdruck dieser Werte.

Unsere Vorfahren haben die Anleitung dazu in erzählerfreundliche Geschichten verpackt, damit sie besser in Erinnerung bleiben. Dabei dienen die Helden, egal ob männlich oder weiblich, als Prototypen für alle Menschen.

Die Märchenhelden haben also im Jahreszyklus schon so einiges erlebt. Es begann mit einer Vision während den Rauhnächten, setzte sich fort zu Imbolc mit einem ersten Aufglühen ihrer Potentiale, was wiederum zu einer Narrenzeit führte, in der sie fremdes Territorium betraten und begannen, die Welt mit anderen Augen zu sehen. Dabei wurden sie auf einen Schwellenübertritt vorbereitet, die der Auftakt zu einem neuen Leben bedeutete. Im Jahreskalender war dies die Schwelle der Tag- und Nachtgleiche im März. Aber zuvor geschah Folgendes:

In der Zeit zwischen dem 26. Februar bis zum 3. März 2021 haben die Helden, die zugleich für gewöhnliche Menschen wie du und ich stehen, ihre neu entdeckten Talente eingesetzt. Sie spielten mit goldenen und silbernen Äpfeln, banden schöne Blumensträusse für die Kaisertöchter oder brachten Frösche dazu, ihnen die goldene Kugel aus dem Brunnen zu holen. Sie begannen also, anders - bewusster - mit ihrer Umgebung in Kontakt zu treten. Der Schlüsselsatz hierzu lautete:

Neues und kreatives Zusammenspiel mit der Umgebung

Wie war das bei dir? Hast du auch ein neues Talent oder eine neue Fähigkeit bei dir entdeckt? Es war bestimmt eine spannende Zeit, in der du als Heldin oder Held deines Lebens damit begonnen hast, die Welt um dich herum anders zu sehen und zu gestalten.

Im rumänischen Märchen Die zwölf Kaisertöchter ist der Held jetzt ein Gärtner am kaiserlichen Hof. Er ist nicht länger ein gewöhnlicher Kuhhirt:

Guracasca versah seinen Dienst aufs beste. Der Gärtner lobte ihn, und die Prinzessinnen waren mit seinen Sträußchen zufrieden. Wenn er sie ihnen überreichte, senkte er den Blick, und vor der Kleinsten, deren Hände so weiß wie Milchschaum waren, wurde er rot wie eine Pfingstrose.

Nun wäre es aber gefährlich, übermütig zu werden! Im nächsten Satz, der die Zeitqualität zwischen dem 3. März und 9. März 2021 widerspiegelt, heisst es:

Er hätte den Kaiser gern gefragt, ob auch er einmal Wache stehen dürfe, aber er fürchtete, ob solcher Kühnheit mit Schimpf und Schande fortgeschickt zu werden.

Alle Märchen geben an dieser Stelle eine Warnung: Es gilt sorgfältig zu unterscheiden, was hilfreich ist und was gefährlich werden kann. Schliesslich haben die Protagonisten noch nicht die sichere Stellung, die es ihnen erlauben würde, vorlaut zu sein.

Der Schlüsselsatz, der die Aussage der Märchen an dieser Stelle zusammenfasst lautet daher:

Eine sorgfältige Unterscheidung ist erforderlich.

Sind die Heldinnen und Helden jetzt vorsichtig genug, kommen sie unter eine Art Schutz.

Dies charakterisiert die Zeitqualität vom 10. März bis zum 16. März 2021. Der Schlüsselsatz dazu heisst:

Um die Verbindung zur fehlenden Qualität weiter zu stärken, wird eine Schutzsphäre angeboten.

In allen Märchen ist hier eindeutig ein wohlwollender Einfluss zu spüren. Er bringt die Protagonisten der Frage näher: „Wer bin ich?“

Daher kannst auch du dich fragen, was brachte dich selber in dieser Zeit dieser Frage näher? Letztes Jahr gingen wir in der Schweiz genau zu diesem Zeitpunkt in den Lockdown. Er brachte uns kollektiv der Frage näher: Wer sind wir und was ist uns wichtig?

Manchmal bedeutet der Schutz Rückzug oder heilsamer Schlaf oder eine tief empfundene Ruhe. Manchmal werden wir vor einer törichten Handlung beschützt. In jedem Fall erleben wir in diesem Zeitraum etwas, das uns erlaubt, dem, was in unserem Leben fehlt, wieder ein wenig näher zu kommen. Uns selbst?

Dieser geheimnisvolle Schutz stattet auch die Helden damit aus, das, was in ihrem Leben bislang fehlte, weiter aufzuspüren. Guracasca ist unter einem schicksalshaften Stern geboren, heisst es zu Beginn des Märchens, er würde einmal eine Kaisertochter heiraten. Doch wie soll er sie heiraten können, wenn sie erstens verzaubert ist und jede Nacht ein paar Schuhe durchtanzt und zweitens sicherlich keinen einfachen Gärtner heiraten wird? Die Fee wirkt an dieser Stelle im Märchen erneut wohlwollend auf sein Schicksal ein. Sie macht ihn darauf aufmerksam, dass er im Garten zwei Schösslinge setzen soll und sobald sie gross genug seien, könne er sich etwas wünschen.

Bevor Guracasca danken konnte, war die Fee verschwunden. Er eilte aber noch halb im Schlaf in den Garten und wurde vor Verwunderung ganz verwirrt, als er alles fand, wie die Fee es beschrieben hatte.

Er grub die Schößlinge aus und setzte sie in neue Töpfe. Er hackte sie jeden Tag mit der goldenen Hacke, begoss sie mit dem goldenen Kännchen, trocknete sie ab mit dem seidenen Handtuch und behütete sie wie das Licht seiner Augen. Sie wuchsen wie mit Zaubermacht und hatten in kurzer Zeit Manneshöhe erreicht. Da trat er vor das kirschblütenweiße Bäumchen hin und sprach:

Dáfine, dáfine, Lorbeerbaum,
Mit der goldenen Hacke hackte ich dich,
Mit dem goldenen Kännchen netzte ich dich,
Mit dem seidenen Handtuch trocknet' ich dich,
Gib mir die Gabe, dass ich unsichtbar bin,
Sobald ich es will.

Da sprosste ein Knösplein am Baum, wuchs, rundete sich, sprengte die Hülle und öffnete sich. Eine Blume kam hervor, wie er noch keine gesehen, und er brach sie und barg sie im Bausch seines Hemdes.

Unsichtbarkeit, was für ein wunderbares Beispiel für einen wirksamen Schutz, der da unter dieser Zeitqualität herangewachsen ist!

Ausgestattet mit der unsichtbar-machenden Blüte tritt Guracasca als Nächstes über die Schwelle des Schlafsaals der Prinzessinnen und ihnen in die unterirdische Welt folgen. Dies ist der Auftakt zu einem neuen Leben für Guracasca, aber auch für die Kaisertöchter. So heisst denn auch der Schlüsselsatz an dieser Stelle in allen Märchen: Eine Schwelle wird überschritten. Das Alte muss zurückgelassen werden. Er fiel in die Zeit zwischen dem 17. März und dem 30. März 2021:

Am Abend nahm er sie in die Hand, wünschte sich, unsichtbar zu sein, und schlüpfte verstohlen mit hinein, als die Prinzessinnen ihr Schlafgemach betraten. Da sah er, dass sie sich nicht schlafen legten. Sie kämmten sich, sie schmückten sich, sie zogen sich herrliche Gewänder an. Die Älteste rief: «Seid ihr fertig, ihr Mädchen?» und die anderen antworteten: «Fertig und bereit!» Da stampfte die Älteste leise auf den Boden, und der Boden öffnete sich. Sie stiegen in die Tiefe, und Guracasca war mitten unter ihnen.

Am 20. März haben wir alle also eine Schwelle überschritten. Es sollte sich uns danach so Manches enthüllen. Die Masken fallen und wir sehen, was Sache ist. Wir sollten ernst nehmen, was sich uns kollektiv aber auch privat hinter der Schwelle enthüllt. Wollen wir sein dürfen, wer wir wirklich sind, sollten wir uns wieder vermehrt nach den Märchen und ihren matriarchalen Werten richten: weise Führerschaft, gerechte Güterverteilung und ein würdevolles Leben für jeden einzelnen von uns. Das klingt doch gut, oder?

 

©Andrea Hofman, 2021

 

 

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