Könnten Märchen

DENN WAHR SEIN...?


Wenn du dich für Geschichten interessierst, seien es Romane, Filme oder Netflix-Serien, findest du bestimmt immer einen persönlichen Bezug dazu. Vielleicht stellst du sogar fest, dass du dich nicht nur mit der Heldin oder dem Helden identifizierst, sondern, dass du auch nach Werten suchst, die dich in deinem Leben inspirieren. 

 

Viele Geschichten widerspiegeln leider immer noch eine männlich dominierte, ja, eine patriarchale Welt, in der die Protagonisten einen Weg finden müssen, sich trotz Krieg, Streit, Verrat, Lug und Trug, irgendwie durch das Leben zu schlagen. Man könnte sagen, diese Art von Geschichten spiegeln - in etwas übertriebener Weise - unseren eigenen, stressreichen Alltag wider.

 

Es gibt jedoch ein Genre, das Volksmärchen, das den Weg aus solch einem stressigen Überlebenskampf aufzeigt. Die Geschichten wurden vor tausenden von Jahren für eben genau diesen Zweck erzählt: Wie findet man aus den widrigsten Umständen heraus und erschafft sich ein Leben voller Liebe und Anerkennung. Denk nur an all die armen Schlucker im Märchen, die zu Beginn nichts hatten, die schlecht behandelt wurden und von niemandem respektiert wurden. Sie alle wurden am Ende zu glücklichen Personen, die die Liebe gefunden haben und manchmal sogar zu Königinnen und Königen wurden.

 

Die Märchen führen in ihrem Erzählstrang zuverlässig ihre Protagonisten aus den stressigsten Voraussetzungen in ein friedliches und glückliches Leben hinein.

 

Wenn du also auf der Suche nach Vorbildern bist, wie dieser Prozess zu bewerk-stelligen ist, so bist du bei den Märchen genau richtig. Ihre Heldinnen und Helden erarbeiten sich nämlich Schritt für Schritt ein gewaltfreies, ruhiges, wertgeschätztes und glückliches Leben. 

 

Dies liegt daran, dass die Volksmärchen aus einer vorgeschichtlichen Zeit stammen, in der matriarchale Werte das Zusammenleben der Menschen prägten. Damals lebten die Menschen nach den Gesetzen der Natur und stellten sich nicht darüber, wie wir es heutzutage leider gewohnt sind. Es wurde damals wohlwollend zusammengearbeitet und alles brüderlich und schwesterlich geteilt, was die Natur hergab. Wer herrschte, musste weise und gütig sein, und durfte keineswegs nur an sich selbst denken.  

 

Um eine Darstellung von Heldinnen und Helden zu erhalten, die solche Werte verkörpern, können wir uns also den überlieferten Märchen - unserem mündlichen Kulturgut - zuwenden. Es sind dies die Geschichten unserer europäischen Vorfahren und enthalten Vorbilder für Menschen, die ein ehrliches und authentisches Leben anstreben. Ihre Heldinnen und Helden folgen nicht den von Menschen geschaffenen, patriarchalen Gesetzen. Vielmehr handeln sie im Einklang mit den natürlichen Gesetzmässigkeiten. Sie demonstrieren damit, wie jederzeit ein Gleichgewicht zwischen einer Person und dem Leben um sie herum hergestellt werden kann - und sie trotzdem (oder gerade deswegen) ein bemerkenswertes Individuum bleiben.

 

Wenn du also nach Vorbildern suchst, die sich von inneren Tugenden leiten lassen und die angetrieben sind von innerer Integrität und Liebe für die Natur, so findest du sie in den Volksmärchen - sie sind die Geschichten unserer Vorfahren.

 


 

Auszug aus "The True Hero's Journey in Fairy Tales and Stone Circles" (vorerst nur auf Englisch er-hältlich):

 

"Experten spekulieren seit langem, dass die Volksmärchen im Grunde Informationen über die soziale Organisation und das Glaubenssystem der europäischen Ureinwohner enthalten. Anthropologen finden in prähistorischer Zeit Hinweise auf überwiegend matriarchale Werte vor. (...) 

In ihren Geschichten handelten Heldinnen und Helden im Einklang mit den Naturgesetzen und hatten immer das Wohl aller im Sinn. Persönliches Heldentum, so wie wir es heute kennen, wurde nicht angestrebt. Viel wichtiger war es den Protagonisten, die kreativen Kräfte zu verstehen, die hinter den Dingen wirkten, so dass sie genutzt werden konnten, um ein Gleichgewicht zwischen Mensch und Natur zu wahren, oder es - wo nötig - wiederherzustellen. Damit wurde der Mensch als 'Held' quasi zum Stellvertreter der Grossen Göttin - der Schöpfungsmacht der damaligen Zeit."