Die gute Rosa und die böse Leda, schwedisches Märchen

Es waren einmal ein König und eine Königin, die hatten eine einzige Tochter. Rosa hiess sie. Sie war nicht nur wunderhübsch, sondern auch lieb, und jedermann mochte sie sehr. Aber dann starb die Königin und der König heiratete wieder. Die neue Königin hatte ebenfalls eine Tochter namens Leda. Man hätte jetzt denken können, dass die beiden Kinder miteinander spielen würden, aber so war das nicht. Die beiden Prinzessinnen wuchsen zwar zusammen auf, aber jeder der sie sah, merkte, dass sie das pure Gegenteil voneinander waren, denn Leda war hochmütig und boshaft.

Die Stiefmutter und die böse Leda mochten Rosa nicht und spielten ihr übel mit, wann immer sich eine Gelegenheit dazu bot. Rosa hingegen blieb geduldig und sanft und erledigte all ihre Aufgaben, ganz gleich, was man ihr auftrug. Aber je mehr sie sich bemühte, es der Stiefmutter recht zu machen, umso bösartiger wurde diese.

 

Eines Tages ging die Königin mit den beiden Prinzessinnen im Garten spazieren. Da hörte sie, wie der Gärtner seinen Knecht in den Wald schickte, die vergessene Axt zu holen. Da rief die Stiefmutter: „Nein, nein, Rosa holt die Axt!“ Da halfen keine Einwände, es musste getan werden, was sie befahl. Rosa lief also in den Wald und bald schon fand sie die Axt. Auf ihrem Schaft gurrten drei weisse Tauben.

„Verzeiht ihr Täubchen“, sagte Rosa, „aber ich brauche diese Axt!“ Sie hielt ihnen die Hand hin mit ein paar Brotkrümmeln und die Vögel pickten es ihr aus der Hand. Rosa nahm die Axt eilte nach Hause. Kaum war sie aber verschwunden, da begannen die Tauben zu sprechen: „Gru, gru, wie wollen wir dieses liebe Mädchen belohnen?“ – „Sie soll noch einmal so schön werden“, sagte die erste Taube. „Ihre Haare sollen wie Gold werden“, sagte die zweite Taube. – „¨Wenn sie lächelt, soll ein goldener Ring aus ihrem Mund fallen“, sagte die dritte.

Als Rosa mit der Axt zurückkam, bestaunten alle ihre aussergewöhnliche Schönheit. Und noch erstaunter waren sie über den goldenen Ring, der aus ihrem Munde fiel, als sie lächelte.

 

Doch die Königin wurde noch verbitterter, denn dies hätte eigentlich ihrer eigenen Tochter widerfahren müssen. Sie befahl dem Gärtner, die Axt zurück in den Wald zu bringen, und diesmal befahl sie Leda, die Axt zu holen. Widerwillig murrend machte sich Leda auf in den Wald. Schon von weitem sah sie die Tauben auf der Axt sitzen. Sie nahm einen Stein und warf ihn auf die Vögel.

 „Weg da!“, schrie sie. „Scheisst nicht auf die Axt, ich muss den mit meinen Händen anfassen!“ Dann riss sie die Axt an sich und lief davon. Kaum war sie verschwunden, da sagten die Tauben: „Gru, gru, sie soll noch einmal so hässlich werden,“ sagte die eine Taube. „Ihr Haar soll werden wie Dornengestrüpp“, sagte die andere, „Und jedes Mal wenn sie lacht, soll eine Kröte aus ihrem Mund hüpfen“, sagte die dritte.

 

Ihr könnt Euch die erstaunten Gesichter vorstellen, als Leda zum Schloss zurückkam. Was war das, warum waren ihre Haare plötzlich so struppig? Sie war noch hässlicher als zuvor und als sie ihr Gesicht zu einem Lächeln verzog, das mehr einer Fratze glich, hüpfte eine Kröte aus ihrem Mund. Angewidert wandten sich die Leute ab.

Jetzt hasste die Königin Rosa erst recht. Ja, sie ertrug ihren Anblick nicht länger! Sie zahlte einem Kapitän viel Geld, damit er Rosa auf sein Schiff nahm und sie auf dem Meer über Bord warf. Doch er sollte nicht lange Freude an seinem Reichtum haben, denn ein mächtiger Sturm zog auf und das Schiff ging unter mit Mann und Maus.

 

Die Einzige, die überlebte, war Rosa. Sie rettete sich auf eine verlassene Insel. Dort lebte sie in Einsamkeit und ernährte sich von Wurzeln und Beeren, die im Wald wuchsen.

 

Eines Tages, als Rosa am Ufer entlangwanderte, fand sie das Skelett eines Hirschkalbes, Das Fleisch, das sie noch daran fand, steckte sie es auf einen Pfahl, damit die Vögel leichter daran picken konnten. Danach setzte sie sich auf den Sand und bald schon schlief sie ein. Doch, was war das? Woher kam diese wundervolle Musik? Träumte sie etwa? Als sie sich umschaute, stand da, wo das Skelett gelegen hatte, eine grün schimmernde Linde, deren Blätter im Wind sich bewegten und eine wunderbare Musik erklingen liess. Ganz oben sass eine Nachtigall, die eine liebliche Melodie zu den Klängen des Baumes sang.

 

Seit diesem Tag fühlte Rosa sich nicht mehr so einsam auf der Insel. Sie sass zu Füssen der klingenden Linde und es wurde ihr wieder froh ums Herz. Waren es die Klänge der Musik, die den Prinzen mit seinem Schiff zur Insel heranlockte? Man weiss es nicht, doch jedenfalls tauchte eines Tages ein grosses königliches Schiff am Horizont auf. Die Mannschaft hielt die seltsame Musik für einen Zauber und wollte schnellstmöglich weg, doch der Prinz befahl geradewegs auf die Insel zuzuhalten.

Er sprang von Bord und ging geradewegs auf die klingende Linde zu. Dort sass Rosa. Ihre Haare leuchteten golden in der Sonne und sie sah wunderschön aus. Er begrüsste sie: „Bist du die Herrscherin der Insel?“ – „Ja, das bin ich!“ – „Bist du eine Meerjungfrau?“ Sie lachte und erzählte ihm alles, wer sie sei und was ihr widerfahren ist. Sie unterhielten sich lange und verliebten sich ineinander. Er fragte sie, ob sie ihn heiraten möchte und zusammen bestiegen sie sein Schiff und segelten in das Reich des Prinzen.

Rosa nahm die grünende Linde mit in ihr neues Heimatland und pflanzte sie in den Garten. Das Lindenlaub spielte und die Nachtigall sang und weckte grosse Freude im ganzen Königreich.

 

Als Rosa und der Prinz, der nun König geworden war, einige Zeit verheiratet waren, brachte Rosa einen Sohn zur Welt. Nun denkt Ihr vielleicht, und dann lebten sie glücklich miteinander bis an ihr Ende.

 

Ach nein, so war das nicht.

 

Rosa hatte nämlich ihrem Vater eine Botschaft geschickt, dass es ihr gut gehe und wo sie jetzt lebe. Doch sie hatte ihm nicht geschrieben, dass es die Königin war, die ihr all das Böse angetan hatte. Der König freute sich sehr, doch die Stiefmutter wurde rasend und beriet sich mit der bösen Leda, wie sie Rosa ein für alle Mal loswerden können.

Sie besuchten Rosa und sagten viele schöne Worte. Rosa wollte alles Böse vergessen und nahm das Geschenk, das sie ihr mitgebracht hatten zur Geburt ihres Sohnes, freundlich entgegen. Es war ein Hemd aus allerfeinster Seide und mit Goldfäden durchwirkt. Doch es war verzaubert. Kaum hatte Rosa es sich über den Kopf gezogen, da wurde sie in eine Gans verwandelt. Sie war zu einer Gans geworden, aber keiner gewöhnlichen Gans, sondern einer mit goldenen Federn. Die Gans lief zum offenen Fenster und flog hinaus, über das Meer und verschwand am Horizont.

 

Im selben Augenblick verstummte das Spiel der Linde und die Nachtigall hörte auf zu singen und eine grosse Trauer fiel über das Königreich.

 

Des Nachts, wenn der Mond schien und die Fischer des Königs auf dem Meer waren, sahen sie eine schöne Gans mit goldenen Federn, die auf dem schwarzen Wasser schaukelte. Eines Nachts näherte sich die Gans den Fischern und begann zu sprechen.

„Guten Abend, Fischer! Wie geht es zu Hause auf dem Königshof?“, fragte sie.

„Klingt meine Linde?
Singt meine Nachtigall?
Weint mein kleiner Sohn?
Wird mein Mann seines Lebens wieder froh?“

Da antworteten die Fischer:

„Deine Linde klingt nicht.
Deine Nachtigall singt nicht.
Dein Sohn weint Nacht und Tag.
Dein Mann wird niemals wieder froh.“

Die Gans seufzte und sagte:

„Ich Arme,
Die ich nun auf blauen Wogen gleite dahin,
Und nie mehr kann werden,
Die ich einmal gewesen bin.“

„Gute Nacht, ihr Fischer! Ich werde noch zweimal kommen und dann nimmermehr. “

 

Der Vogel verschwand und die Fischer erzählten dem König von ihrer Begegnung mit der sonderbaren Gans. Da befahl der König, die Gans zu fangen. 

 

Als sie in der nächsten Nacht wieder auf der See waren und der Mond schien, schwamm die Gans zu ihrem Boot heran und sagte:

„Klingt meine Linde?
Singt meine Nachtigall?
Weint mein kleiner Sohn?
Wird mein Gemahl seines Lebens wieder froh?“

Die Fischer antworteten:

„Deine Linde klingt nicht.
Deine Nachtigall singt nicht.
Dein Sohn weint Nacht und Tag.
Dein Mann wird niemals wieder froh.“

Die Gans seufzte traurig und sagte:

„Gute Nacht, ihr Fischer! Ich werde noch einmal kommen und dann nimmermehr.“

 

Da warfen die Fischer Netze über die Gans. Die aber schlug mit den Flügeln und schrie: „Lasst los oder haltet ganz fest!“

Die Fischer hielten das Netz, aber plötzlich verwandelte sich die Gans in Schlangen, dann in Drachen und andere schreckliche Ungeheuer. Vor Schreck liessen das Netz los und die Gans verschwand.

 

Als der König das hörte, wurde er sehr böse und befahl den Fischern, die Gans festzuhalten, was auch geschehen mochte.

In der dritten Nacht waren die Fischer besser vorbereitet. Sie hatten ihre stärksten Netze und Schlingen mitgenommen. Da kam auch schon die Gans:

„Klingt meine Linde?
Singt meine Nachtigall?
Weint mein kleiner Sohn?
Wird mein Mann seines Lebens wieder froh?“

Die Fischer antworteten:

„Deine Linde klingt nicht.
Deine Nachtigall singt nicht.
Dein Sohn weint Nacht und Tag.
Dein Mann wird niemals wieder froh.“

Da seufzte die traurige Gans und sagte:

„Gute Nacht, ihr Fischer! Jetzt komme ich nimmermehr.“

 

Die Fischer warfen ihre Netze und Schlingen über die Gans. Die flatterte mit den Flügeln und schrie: „Lasst los oder haltet ganz fest!“ Wieder wurde sie zu Schlangen, Drachen, Meerungeheuern, doch die Fischer hielten ihre Beute fest. Es gelang ihnen, sie zum Schloss zu bringen, wo sie, wieder als Gans, nie mehr ein Wort sprach. Die Trauer im Schloss war noch genauso gross wie vorher und der König wurde seines Lebens nicht froh und das Söhnchen weinte.

 

Aber eines Tages kam eine wunderliche alte Frau ins Schloss. Sie sagte. „Ich wohne auf dem Hügel am anderen Ufer des Flusses und ich weiss, wie ich den König von seiner grossen Trauer befreien kann. Ich bitte nur darum, dass man eine Mauer bauen möge um mein Haus, damit das Vieh des Königs mich nicht immer erschreckt.“ Das konnte der König leichten Herzens versprechen. Also bat die alte Frau, man möge das Hemd holen. Wenn Rosa in eine Gans verwandelt worden war, als sie das Hemd anlegte, was würde wohl passieren, wenn man es jetzt über die Gans warf? Der Prinz befolgte den Rat der alten Frau.

Und habt ihr nicht gesehen, da stand Rosa wieder ganz lebendig vor ihm. Sie umarmten sich und das Glück kehrte in das Königreich zurück. Das Söhnchen hörte auf zu Weinen und im selben Augenblick begann die Linde wieder zu klingen und die Nachtigall in ihrem Wipfel zu singen und alles war Lust und Freude.

 

Ihr könnt euch sicher auch denken, wie sehr sich Rosas Vater freute, als er schliesslich seine Tochter und ihren Gemahl treffen durfte. Doch diesmal erzählte sie ihm alles, was geschehen war. Da wurde er sehr zornig und liess die Königin zum Tode verurteilen. Doch Rosa aber bat um ihr Leben und der Vater liess die Königin also für den Rest ihres Lebens im Gefängnis schmachten, zusammen mit der bösen Leda.

Die gute Rosa und der König lebten glücklich bis ans Ende ihrer Tage.

 

 

Quelle: „Der verzauberte Pisspott“, Schwedische Volksmärchen