Die zwölf Kaisertöchter, rumänisches Märchen

Guracasca war ein Sohn armer Eltern, still, friedfertig und arbeitsam. Frug ihn jemand um eine Gefälligkeit, so schlug er es nie aus, und nur weil er immer zierlich und reinlich aussah, oft schwieg und seltener etwas erzählte als erstaunt zuhörte, hatten die Burschen ihm den Spottnamen Guracasca angehängt. Das bedeutet Dummkopf oder Einfaltspinsel, genau genommen heißt es aber nur: «Einer, dem vor Staunen der Mund offen bleibt.» Guracasca aber kümmerte sich nicht darum, er machte seine Sache und ging seines Wegs, froh, dass der Bauer, bei dem er in Dienst stand, zufrieden war mit ihm. Und zufrieden war der Bauer, sogar sehr zufrieden.

 

Wie stellte Guracasca es an, dass seine Kühe immer schöner waren und bessere Milch gaben als die Kühe der anderen Knechte? Versteht sich, er wusste die saftigen Plätzlein zu finden, und außerdem: wo sein Fuß auftrat, freuten sich die Gräslein und wuchsen doppelt so schnell. Warum? Weil er zu guter Stunde geboren war!  Die Ursitori, die wissen, was uns bevorsteht, waren an seiner Wiege gestanden und hatten prophezeit, daß er es weit bringe im Leben. Er aber hatte keine Ahnung, was sie für ihn eingewickelt hatten in den Lauf der Zeit. Wenn er seine Kühe zum Brunnen führte, so schössen ihm die Mädchen verstohlene Blicke zu, und das eine oder andere drehte sich um und wartete, ob er es vielleicht anspreche. Warum? Er hatte Augen, die ein Mädchen krank machen konnten, und Lockenhaar, das schwarz und glänzend wie Rabengefieder auf seine Schläfen fiel.

 

Eines Mittags kam er auf eine blumenübersäte Wiese und sah mitten darin einen großen, buschigen Baum stehen. Er ging darauf zu, und weil er müde war, legte er sich in seinem Schatten nieder. Er hatte den Platz gut ausgewählt. Der Baum war so hoch, als wolle er zu den Wolken hinauf, und in seinem Laub lebten Hunderte von Vöglein, zwitscherten und bauten ihre Nester. Kaum hatte er ihrem Gesang ein wenig zugehört, so war er eingeschlafen. Aber ein Traum stellte ihn unverhofft wieder auf die Füße: Eine Fee, schöner als alle Feen Himmels und der Erde, war ihm erschienen und hatte gesagt: «Steh auf und geh an den Kaiserhof!»

«Ei der Tausend, was soll das heißen?» rief er aus und sann umsonst den ganzen Tag lang darüber nach. Er merkte nicht, daß der Stern, unter dem er geboren war, sich ihm zuneigte und ihm seine Dienste anerbot. Am nächsten Mittag legte er sich wieder unter den Baum bei den vielen Blumen und träumte den gleichen Traum. «Zum Kuckuck, wer hält mich zum Narren?» rief er aus und sprang auf. Wieder zerbrach er sich den Kopf und konnte den lieben langen Tag nicht herausbringen, was er tun sollte. Am dritten Tag erschien ihm die Fee wiederum, als er unter dem Baume schlief, und sprach die gleichen Worte. Dazu aber drohte sie ihm mit Krankheit und den erbärmlichsten Plagen, wenn er nicht gehorchte.

 

Da ging er am Abend, als er das Vieh besorgt hatte, vor seinen Herrn und sprach: «Herr, mich kam der Gedanke an, fortzugehen und mein Glück in der weiten Welt zu suchen. Sei so gut, Herr, und zahle mich aus.» - «Aber Guracasca, was willst du denn tun in der weiten Welt? Weißt du nicht, wie schlimm die Welt ist? Bist du mit dem Lohn nicht zufrieden, den ich dir gebe, oder bekommst du nicht genug zu essen?» - «Zu essen habe ich genug, und wegen dem Lohn ist es mir nicht. Aber der Sinn steht mir danach, in die Welt zu ziehen.» «Laß dir nicht Hornissen summen im Gehirn, Guracasca. Schau, ich will mich umsehen und dir ein Mädchen suchen, dem Vater und Mutter ein wenig Hausrat mitgeben können, und selber will ich auch noch zuschießen, was das liebe Herz mir eingibt. Dann kannst du einen Hausstand gründen und brauchst nicht herumzuirren in der Welt.»«Der Sinn steht mir nicht nach einem Hausstand, Herr. Es ist nun einmal so, dass ich fort will.» Da sah der Bauer, dass Guracasca von seinem Gedanken nicht abließ, und er zahlte ihn aus.

 

Der Bursche ging an den Kaiserhof und frug, ob sie einen Knecht brauchten. Der Gärtner konnte ihn brauchen, denn die Prinzessinnen hatten ihn schon oft gescholten und gefragt, ob er immer nur die Hässlichsten, die auf Gottes Erdboden aufzufinden sind, in Dienst nehmen könne? Zierlich und rein gewaschen, das war nun Guracasca wohl, aber was die Kleider betrifft, die er trug, so war es doch nur das grobe Gewand eines Küherknechts. Der Gärtner ließ ihn daher neu ausstaffieren, und dann musste er jeden Tag zwölf Sträußlein binden und sie den zwölf Töchtern des Kaisers überreichen, wenn sie zum Portal heraustraten, um im Garten zu spazieren. Auf diese zwölf jungen Herrinnen hatten die Ursitori bei der Geburt eine schwere Verwünschung gelegt. Sie gaben ihnen eine nicht zu bezähmende Tanzlust mit auf den Weg und bestimmten, dass sie nicht eher heiraten konnten, als bis ein Mann sie von dieser Tanzlust befreit und einer von ihnen Liebe eingeflößt hatte. Nun zertanzten die Prinzessinnen Nacht für Nacht zwölf Paar weiße Seidenpantöffelchen, und kein Mensch verstand, wie das zuging. Dagegen wiesen sie alle Freier ab, die am Hofe erschienen.

Der Kaiser begann sich Sorgen zu machen. Wohin führten die großen Ausgaben für so viele seidene Pantöffelchen? Und waren die Herzen seiner Töchter denn von Eis, dass ihnen niemals ein Bewerber gefiel? Auch wußte er wohl, daß er seine Töchter jede Nacht einschloß in ihrem Gemach und daß dieses Gemach neun Eisentüren besaß und an jeder Türe neun Eisenschlösser hingen. Daß die Ursitori den Mädchen bestimmt hatten, ihr ganzes Leben lang zu tanzen, wenn keiner käme und sie erlöse, davon wußte der Kaiser nichts.

 

Schließlich gab der König bekannt, daß derjenige, der ihm sage, wo seine Kinder in der Nacht tanzten, eine der Prinzessinnen zur Gemahlin erhalte. Jetzt strömten von allen Seiten neue Freier herbei. Kaisersöhne, Fürstensöhne, Söhne großer Bojaren und Söhne von kleineren Bojaren. Sie hielten der Reihe nach Wache vor dem Gemach der zwölf Schwestern. Aber immer, wenn der Kaiser mit großer Ungeduld ihre Auskunft erwartete, wurde ihm gemeldet: «Der Jüngling, der sich am Abend vor den verschlossenen Türen aufgestellt hat, ist nicht mehr zu finden.» So verschwanden hintereinander elf blühende Söhne aus der Freierschar. Da begannen die anderen wegzurücken. Die Lust zu wachen verging ihnen, und einer nach dem anderen reiste ab. Der Kaiser aber musste fortfahren, jeden Tag zwölf neue Paare weißseidener Pantöffelchen zu kaufen, und die Sorge, dass ihm die Töchter an seinem Herd altern könnten und dass ihre Zöpfe bleichten, ohne die Brautkrone getragen zu haben, drückte sein Haupt Tag für Tag schwerer.

 

Guracasca versah seinen Dienst aufs beste. Der Gärtner lobte ihn, und die Prinzessinnen waren mit seinen Sträußchen zufrieden. Wenn er sie ihnen überreichte, senkte er den Blick, und vor der Kleinsten, deren Hände so weiß wie Milchschaum waren, wurde er rot wie eine Pfingstrose. Er hätte den Kaiser gern gefragt, ob auch er einmal Wache stehen dürfe, aber er fürchtete, ob solcher Kühnheit mit Schimpf und Schande fortgeschickt zu werden. Zwar sagte er sich, dass seine Nase gewiss nicht für den Duft eines so feinen Blümchens gemacht sei, aber vor Sehnsucht nach der kleinsten Prinzessin brach ihm beinahe das Herz.

 

Da erschien ihm eines Nachts wieder die Fee von der blühenden Wiese und sprach: «Geh in die Gartenecke, die gegen Osten liegt. Dort findest du zwei Lorbeerschösslinge, den einen kirschblütenweiß, den anderen rosenrot, daneben eine goldene Hacke, ein goldenes Kännchen und ein seidenes Handtuch. Grabe die beiden Schösslinge aus und setze sie in neue Töpfe. Hacke sie jeden Tag mit der goldenen Hacke, begieße sie mit dem goldenen Kännchen, trockne sie ab mit dem seidenen Handtuch und behüte sie wie das Licht deiner Augen. Wenn sie Manneshöhe erreicht haben, kannst du sie bitten um was du willst, sie werden es dir nicht versagen.»

Bevor Guracasca danken konnte, war die Fee verschwunden. Er eilte aber noch halb im Schlaf in den Garten und wurde vor Verwunderung ganz verwirrt, als er alles fand, wie die Fee es beschrieben hatte. Er grub die Schößlinge aus und setzte sie in neue Töpfe. Er hackte sie jeden Tag mit der goldenen Hacke, begoss sie mit dem goldenen Kännchen, trocknete sie ab mit dem seidenen Handtuch und behütete sie wie das Licht seiner Augen. Sie wuchsen wie mit Zaubermacht und hatten in kurzer Zeit Manneshöhe erreicht. Da trat er vor das kirschblütenweiße Bäumchen hin und sprach:

 

Dáfine, dáfine, Lorbeerbaum,

Mit der goldenen Hacke hackte ich dich,

Mit dem goldenen Kännchen netzte ich dich,

Mit dem seidenen Handtuch trocknet\' ich dich,

Gib mir die Gabe, dass ich unsichtbar bin,

Sobald ich es will.

 

Da sprosste ein Knösplein am Baum, wuchs, rundete sich, sprengte die Hülle und öffnete sich. Eine Blume kam hervor, wie er noch keine gesehen, und er brach sie und barg sie im Bausch seines Hemdes.

 

Am Abend nahm er sie in die Hand, wünschte sich, unsichtbar zu sein, und schlüpfte verstohlen mit hinein, als die Prinzessinnen ihr Schlafgemach betraten. Da sah er, dass sie sich nicht schlafen legten. Sie kämmten sich, sie schmückten sich, sie zogen sich herrliche Gewänder an. Die Älteste rief: «Seid ihr fertig, ihr Mädchen?» und die anderen antworteten: «Fertig und bereit!» Da stampfte die Älteste leise auf den Boden, und der Boden öffnete sich. Sie stiegen in die Tiefe, und Guracasca war mitten unter ihnen. Sie kamen zu einem Garten, den eine kupferne Mauer umschloss. In- der Mauer war ein eisernes Tor, davor stampfte die Älteste wiederum. Da öffnete es sich, aber unter dem Tor trat der Gärtnerjunge der Kleinsten auf das Kleid. Sie drehte sich rasch um und rief: «Schwestern, es ist jemand hinter mir und tritt auf mein Kleid!» - «Sei doch nicht so furchtsam», tadelten sie die anderen. «Paß lieber besser auf, es stach dir gewiss ein Dorn durch den Saum.»

 

Sie kamen durch einen Wald mit silbernem Laub, sie kamen durch einen Wald mit goldenem Laub, sie kamen durch einen Wald, an dessen Zweiglein Diamanten und Edelsteine so hell funkelten, dass Guracasca die Augen überliefen. Hinter diesem Wald lag ein See mit einem Inselchen und einem Palast darauf, wie es keinen schöneren gibt. Er schoss Strahlenpfeile aus wie die Sonne und war so kunstvoll gebaut, dass du immer glaubtest, du gehest hinab, wenn du aufstiegst, und du steigest empor, wenn du hinuntergingst. Am Ufer lagen zwölf Schifflein, und in jedem wartete ein prächtig gekleideter Ruderknecht. Die Prinzessinnen stiegen ein, und Guracasca nahm ungesehen neben der Kleinsten Platz. Dann fuhren die Boote hintereinander wie die Kraniche davon, aber das letzte ein wenig hintendrein.

 

Der Ruderknecht konnte sich nicht genug wundern, wie schwer sein Schiff heute Nacht sei, aber als er alle Kraft zusammennahm, gelangte auch er zu dem Inselchen. Hier erklang eine Musik, bei der du sogleich tanzen musstest, du mochtest wollen oder nicht: die Töne hoben dich empor und drehten dich herum. Blitzesschnell waren die Mädchen im Palast und mit den elf verschwundenen Jünglingen in einem Saal, der so lang und so breit war, dass du nicht sähest, wo er aufhörte. Guracasca trat auch hinein, und wahrlich, jetzt hatten seine Augen zu tun. Aber konnte er die milchweißen Wände mit ihren Rubinen und Saphirsteinen, die goldenen Säulen und Gesimse oder die Fackeln in ihren silbernen Ständern ruhig betrachten? Keine Spur! In diesem Palast, wo selbst die Tische und Bänke und Kerzenstöcke tanzten, da tanzte, hüpfte und sprang auch er ohne Unterlass. Und die Mädchen? Sie tanzten und tanzten in allen Schritten, die es gibt. Sie tanzten Hora und Sürba, Gürteltanz und Zigeunertanz, machten das Pfefferspiel, «Eins und Eins» und «Vor dem Zelteingang», bis ihre Pantöffelchen auseinanderbrachen und es dämmerte. Da verstummte die Musik plötzlich, und in Seide gekleidete Mohren trugen einen Tisch herbei, der mit den allerfeinsten Speisen beladen war. Jetzt erquickte sich das liebe Herz mit allem Guten, das es auf der Welt gibt und nicht gibt. Der Gärtnerjunge stand an der Wand, und das Wasser im Mund lief ihm zusammen.

 

Als die Tafel aufgehoben wurde, machten sich die Prinzessinnen auf den Heimweg, und wie der Teufel hinter den Mönchen schlich Guracasca ihnen nach. Als sie in den Silberwald kamen, flog ihm der Gedanke zu, ein Zweiglein abzubrechen, und er brach es. Da toste und brauste es, wie wenn der Sturm in die Wipfel fällt, und doch wehte kein Lüftlein und regte sich kein Läublein. Die Mädchen zuckten zusammen und riefen erschrocken: «Was mag das sein?» - «Was es sein mag?» beschwichtigte sie die Älteste. «Gewiss flitzte das Wundervögelchen durchs Laub, das nistet auf dem Palast unsres Vaters, denn höchstens das Wundervögelchen könnte den Weg finden hierher.» Durch denselben Schacht, durch den sie es verlassen hatten, erreichten alle das Schlafgemach wieder. Als aber der Gärtnerjunge am Morgen die Sträußchen band, versteckte er im Strauß für die Kleinste das silberne Zweiglein, und die kleine Herrin wunderte sich, als sie es entdeckte.

 

In der nächsten Nacht begab sich das gleiche, nur dass der Junge diesmal ein goldenes Zweiglein brach. Als die Kleinste es am Morgen in ihrem Sträußchen fand, fuhr ihr ein glühendes Eisen durchs Herz. Am Mittag fand sie eine Ausrede, um spazieren zugehen, und sie begegnete dem Gärtnerjungen. Sie sprach zu ihm: «Woher hast du das Zweiglein, das du in meinem Blumenstrauß verstecktest?» - «Von einem Ort, den du allzugut kennst, Hoheit.» - «Soll das heißen, dass du uns gefolgt bist und weißt, wo wir die Nächte verbringen?» - «Dies ungefähr soll es heißen, Hoheit.» - «Wie bist du uns gefolgt, und wie hast du den Ort erreicht?»  «Verstohlen.» - «Nimm diesen Geldbeutel und verrate uns mit keiner Silbe.» - «Ich verkaufe mein Schweigen nicht, Hoheit.» - «Aber wenn du etwas verlauten läßt, will ich dafür sorgen, dass dein Kopf fällt.» Diese Worte sagte sie mit ihrem Mund, mit dem Herzen jedoch dachte sie, der Gärtnerjunge werde von Tag zu Tag zierlicher.

 

In der folgenden Nacht brach er ein diamantenes Zweiglein vom Baum, und beim Getöse, das entstand, beruhigte wiederum die Älteste ihre Schwestern. Als aber am Morgen die Kleinste in ihrem Sträußchen den Diamantzweig fand, dachte sie: «Der Gärtnerjunge hat in seinem Gesicht ein Komm-her-zu-mir, und an Gestalt steht er keinem Kaisersohn nach.» Zu den Schwestern aber sagte sie am Abend: «Der Gärtnerjunge weiß, wo wir sind in der Nacht.» Da rückten sie zueinander und flüsterten und berieten, wie sie auch ihn seiner Sinne berauben wollten wie die elf anderen Jünglinge. Er aber war mitten unter ihnen, denn es hatte ihm ein Igel ins Ohr geraunt: «Paß auf !»Als er wußte, was er wissen mußte, ging er zu dem rosenroten Lorbeerbaum und sprach:

 

Dáfine, dáfine, Lorbeerbaum,

Mit der goldenen Hacke hackte ich dich,

Mit dem goldenen Kännchen netzte ich dich,

Mit dem seidenen Handtuch trocknet\' ich dich,

Gib mir die Gestalt und den klaren Verstand

Eines Kaiserssohns!»

 

Da sprosste ein Knösplein am Baum, wuchs, rundete sich, sprengte die Hülle und öffnete sich. Eine Wunderblume ohnegleichen kam hervor, und er brach sie und barg sie im Bausch seines Hemdes. Da fiel die Sonnenbräune von ihm ab, seine Haut wurde fein und sein Verstand klar, und als er an sich hinunterschaute, trug er die Kleider eines Kaiserssohnes.

 

So trat er vor den Kaiser und sprach den Wunsch aus, diese Nacht bei seinen Töchtern zu wachen. Der Kaiser erkannte ihn nicht, und es tat ihm leid um seine Jugend. Einem so schmucken Prinzen Allschön hätte er gern das Verderben erspart. Er stellte ihn aber den Prinzessinnen vor, und nur eine einzige erkannte ihn. In der Nacht tanzte und spielte er mit den Mädchen und den verwunschenen Freiern, aber er hütete sich, in eine Schlinge zu treten. Wie vor der heißen Maispfanne zügelte er seinen Appetit. Bei Tisch jedoch wurde ihm der Trunk gereicht, der ihn verzaubern sollte. Er nahm den Becher und erhob ihn vor der Kleinsten: «Willst du, daß ich trinke?» - Sie antwortete: «Trinke nicht! Lieber will ich mit dir eine Gärtnerin sein, als ohne dich eine Kaiserin.» 

 

Da warf er den Trunk hinter sich und sprach: «Habe keine Angst, Hoheit, eine Gärtnerin wirst du, bei meinem Kopfe, nicht sein.»

Alle hörten die Worte, die sie wechselten, und sobald sie gesprochen waren, löste sich der Saal auf wie Nebel, den die Sonne trinkt. Plötzlich war es heller Tag, und die zwölf Mädchen befanden sich mit den zwölf Jünglingen im Palast ihres Vaters.

 

Der Kaiser griff sich vor Erstaunen mit beiden Händen in den Bart. Guracasca aber trat vor ihn hin und erzählte vom Hanf bis zum Faden, wie es sich verhielt mit den durchgetanzten Pantöffelchen. Dann bat er um die Hand der kleinsten Prinzessin und erhielt sie.

Jetzt näherten sich auch die anderen Schwestern dem Angesicht des Kaisers, und jede führte den Jüngling an der Hand, mit dem sie getanzt hatte in der Nacht. Der Vater erfüllte auch ihre Wünsche und versprach, sie ins Haus ihrer Gatten zu geleiten. Da war die Freude so groß, dass auch hundert Münder, nicht nur ein einziger, wie ihn Gott mir verliehen hat, nicht ausreichen würden, um sie euch zu beschreiben.

 

Bevor die kleinste Kaiserstochter aber heiratete, fragte sie ihren Bräutigam, mit welcher Kraft er den Zauber gebrochen habe, und er sagt es ihr. Damit sie nun nicht unter ihm stehe, sondern neben ihm wie ein Mensch neben dem anderen, ging sie hin und schnitt die beiden Lorbeerbäumchen ab und verbrannte sie.